Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schlägt Alarm wegen einer Schwachstelle, die auf breiter Front Server im Netz bedrohen könnte. (Archivbild) (Urheber/Quelle/Verbreiter: Matthias Balk/dpa)

Eine gefährliche Schwachstelle in einer vielbenutzten Server-Software lässt die Alarmglocken bei IT-Experten läuten. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) setzte am Samstag seine Warnstufe zu der Sicherheitslücke von Orange auf Rot hoch.

Es gebe weltweit Angriffsversuche, die zum Teil erfolgreich gewesen seien, hieß es zur Begründung. «Das Ausmaß der Bedrohungslage ist aktuell nicht abschließend feststellbar», warnte das Amt, das auch für die IT-Sicherheit der Bundesregierung verantwortlich ist.

Die Schwachstelle steckt in einer oft genutzten Bibliothek für die Java-Software. Die Sicherheitslücke kann dafür sorgen, dass Angreifer unter Umständen ihren Softwarecode auf den Servern ausführen können. Damit könnten sie zum Beispiel ihre Schadprogramme dort laufen lassen. Die Schwachstelle ist auf einige ältere Versionen der Bibliothek mit dem Namen Log4j beschränkt. Allerdings hat niemand einen vollen Überblick darüber, wo überall die gefährdeten Versionen von Log4j genutzt werden.

Auch Hacker machen Überstunden

Unsichtbar für die Internet-Nutzer lief am Wochenende ein Wettlauf zwischen IT-Experten und Online-Kriminellen, die automatisiert nach anfälligen Servern suchen lassen. «Im Moment liegt die Priorität darauf, herauszufinden, wie weit verbreitet das Problem wirklich ist», sagte Rüdiger Trost von der IT-Sicherheitsfirma F-Secure. «Leider machen nicht nur Sicherheitsteams, sondern auch Hacker Überstunden, um die Antwort zu finden.»

Besonders heimtückisch: Angreifer könnten jetzt mit Hilfe der Lücke auch nur unauffällige Hintertüren für sich einbauen, warnte Trost. «Die eigentlichen Angriffe erfolgen sicherlich erst Wochen oder viele Monate später.»

Erschwerend kommt hinzu, dass zumindest einige Angreifer möglicherweise mehr Vorlauf hatten als zunächst angenommen. Das Problem wurde öffentlich bekannt, nachdem die Sicherheitslücke am Donnerstag auf Servern für das Online-Spiel «Minecraft» auffiel. Nachträglich stellte die IT-Sicherheitsfirma Cloudflare allerdings fest, dass schon mindestens seit dem 1. Dezember auf die Sicherheitslücke ausgerichtete Angriffsversuche im Umlauf waren. Allerdings habe es erst zum Wochenende Attacken auf breiter Front gegeben.

Eine Zeichenfolge reicht

Log4j ist eine sogenannte Logging-Bibliothek. Sie ist dafür da, diverse Ereignisse im Server-Betrieb wie in einem Logbuch festzuhalten – zum Beispiel für eine spätere Auswertung von Fehlern. Die Schwachstelle kann schon allein dadurch aktiviert werden, dass in dem Log eine bestimmte Zeichenfolge auftaucht, zum Beispiel durch eine Nachricht. Damit ist sie eher einfach auszunutzen, was Experten in große Sorge versetzte. Zugleich haben die Systeme großer Anbieter meist mehrschichtige Schutzmechanismen.

IT-Sicherheitsfirmen und Java-Spezialisten arbeiteten am Wochenende daran, die Schwachstelle zu stopfen. Für die betroffenen Versionen der quelloffenen Log4j-Bibliothek gibt es inzwischen ein Update. Allerdings greift sein Schutz erst, wenn Dienstebetreiber es installieren. Deshalb baute der Firewall-Spezialist Cloudflare für seine Kunden einen Mechanismus ein, der Angriffe blockieren soll. Experten warnten, dass nicht nur Online-Systeme gefährdet seien. Auch etwa ein QR-Scanner oder ein kontaktloses Türschloss könnten angegriffen werden, wenn sie Java und Log4j benutzten, betonte Cloudflare.

Erhebliches Risiko

Die amerikanische IT-Sicherheitsbehörde CISA bildete eine Arbeitsgruppe unter anderem mit der Bundespolizei FBI und dem Geheimdienst NSA. «Diese Schwachstelle birgt ein erhebliches Risiko», stellte die CISA fest. Sie betonte, dass die Sicherheit der Verbraucher von den Maßnahmen der Diensteanbieter abhängen werde.

«Sofern die Hersteller Updates zur Verfügung stellen, sollten diese umgehend installiert werden», empfahl auch das BSI den Unternehmen. «Aktuell ist noch nicht bekannt, in welchen Produkten diese Bibliothek eingesetzt wird, was dazu führt, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden kann, welche Produkte von der Schwachstelle betroffen sind», schränkte das Amt ein.

Die Schwachstelle rückt auch abermals ein bekanntes Problem der Tech-Industrie in den Mittelpunkt: Open-Source-Software wie Log4j wird von kleinen Programmierer-Teams entworfen und gepflegt, die dafür oft gar nicht bezahlt werden. Dann wird sie aber als kostengünstige Lösung von großen Unternehmen übernommen. Open-Source-Software gilt zwar grundsätzlich als sicher, weil ihr Quellcode öffentlich ist und von allen geprüft werden kann – manche Fehler werden dennoch übersehen.

Von Andrej Sokolow, dpa